08.02.2010: Viele Dinge, geschrieben in der Winterzeit
Draußen ist es kalt und die Luft riecht nach Schnee, der womöglich in den nächsten Tagen zurückkehren wird; wie wunderbar! Während der vergangenen Wochen habe ich geschrieben, den Winter genossen, viel Tee getrunken, Erkältungsgeister gebändigt, David Tennants Verwandlung in Matt Smith verfolgt (in "The End of Time"), Deadline-Monster besiegt - und vieles mehr.
---Geschrieben habe ich folgendes: ein (recht langes) Vorwort zu einer in Kürze im Arena Verlag erscheinenden Ausgabe von Hermann Melvilles "Moby Dick", eine Kurzgeschichte, in denen zwei Wasserspeier vorkommen (für eine Anthologie, die Fabienne Siegmund herausgibt), und eine Kurzgeschichte, die mit einem Weihnachtslied zu tun hat und erst zu Weihnachten 2010 erscheinen wird (dann mehr dazu). Nicht zu vergessen GRIMM, das wächst und wächst (und fauchenden Deadline-Monstern die Stirn bietet und im November 2010 erscheinen soll).---Kürzlich im Taschenbuch erschienen: "Malfuria - Das Geheimnis der singenden Stadt" (Band 2 wird im Herbst folgen, band 3 im Frühjahr 2011).Darüber hinaus gibt es bei audible.de eine (auf knapp acht Stunden) gekürzte Komplettversion des LYCIDAS-audiobooks. Und demnächst müsste dort SOMNIA erscheinen.Ende Februar erscheint LYCIDAS in Japan (bei Sodosha, die den Roman in drei Teilen unter dem Titel "Emily Laing and Lycidas" heausbringen werden), gefolgt von LILITH in den Niederlanden und Italien (und dem zweiten MALFURIA-Roman in Spanien).---Ebenfalls gibt es Neuigkeiten zu dem Bilderbuch, das ich hier unter dem rätselhaften Titel RATS WITHOUT CATS führe. Monika Parciak arbeitet derzeit an den vielen Illustrationen (http://www.parciak.de) und die ersten Bilder, die ich gesehen habe, sind umwerfend schön und wunderbar düster und voller Magie.---Zum Musical PHANTASMA gibt es einen recht langen Trailer:http://www.youtube.com/watch?v=28duVnFIw40In Kürze wird ein Bildband zum Musical erscheinen (herausgegeben von Elmar Ottenthal), zu dem ich einen kurzen Artikel beigesteuert habe (ebenfalls wird es demnächst - so ist es geplant & vermutlich erst nach der Spielzeit - eine DVD zum Stück geben). Die Novelle PHANTASMA ist bei amazon zwar vergriffen; signierte Exemplare gibt es aber noch beim Ulrich Burger Verlag und beim Saarländischen Staatstheater).---Und hier noch ein Artikel, der eigentlich kurz vor dem Erscheinen von LYRA auf der Heyne-Site erscheinen sollte, dies aber nicht tat (vermutlich wurde er vergessen). Nun denn, hier ist er und klärt über die Geschehnisse auf, von denen die Familie Darcy heimgesucht wird:“When the Sailor saw Sunny”Ein neues Kapitel in der Geschichte der Familie Darcy„Die meisten Lügen sind wahr und spinnen sich von ganz allein, kaum jemand kannte diese Wahrheit besser als Colin Darcy. Wenn man erst einmal der Melodie der Worte zu lauschen beginnt, dann pfeift man sie bald selbst. Und wenn Lügen wie kunstvolle Lieder sind, dann gehörte Helen Darcy, Colins Mutter, zu jenem seltenen Menschenschlag, der allzeit eine beschwingte Melodie auf den Lippen trägt.“
So begann die Geschichte, zu der ich dieses Jahr zurückgekehrt bin. Colin Darcy kehrte nach Ravenscraig zurück und wir lernten seine Vergangenheit Stück um Stück näher kennen. Helen Darcy, die eine Sherazade ist (jemand, der die Geschichten, die er erzählt, wahr werden lassen kann), hatte einen perfiden Plan entwickelt, um sich neues Glück zu erkaufen – auf Kosten ihrer Söhne, wohlgemerkt.
Wie auch immer – Colin und Danny vereitelten ihren Plan und Mr. Moon wurde ausbezahlt. Schön!
Trotzdem haben nicht alle ihr Happy End bekommen. Sicherlich, Colin und Livia geht es gut (da gebe ich mein Wort).
Doch wie steht es um Danny Darcy?
Wir erinnern uns: Soozie, seine Frau, hat ihn bei einer Affäre ertappt; einer Affäre jedoch, die er nie gehabt hatte. Soozie ging Helens Geschichte in die Falle und glaubt noch immer an das, was sie gesehen hat (Danny mit einem Flittchen in Minneapolis, Tits-on-Sticks in teueren Klamotten, eine Groupie-Schlampe, geschminkt wie Morticia Addams – alles Bilder, zu denen Helen Darcy ihre Schwiegertochter verflucht hat).
Hier beginnt „Lyra“.
Danny ist nach Minnesota zurückgekehrt und seine schwangere Frau hat sich von ihm getrennt. Er erfährt, dass der Fluch einer Sherazade nicht einfach zu heilen ist (und womöglich eine Gefahr für das Baby mit sich bringt), und er setzt alles daran, seine Frau wieder zurück zu gewinnen. Er muss mit seiner Frau Soozie in den tiefen Sümpfen und Bayous von Louisiana nach Wesen suchen, die als Sirenen bekannt sind. Und er muss feststellen, dass alles im Leben seinen Preis hat. Er muss die Lyra finden und stellt fest, dass manche Pläne weiter reichen, als er es jemals für möglich gehalten hat.
Soviel dazu.Es ist jetzt zwei Jahre her, seitdem ich die Arbeit an „Fabula“ beendet habe. Damals kündigte ich an, dass es drei Romane geben wird, die sich mit dem Schicksal der Familie Darcy beschäftigen werden – allerdings, so betonte ich, nicht im Rahmen einer gewöhnlichen Trilogie (die einfach die Handlung fortschreibt).
„Lyra“ ist nun fertig, irgendwann demnächst (vermutlich im Jahre 2011, vermutlich im November, der ein guter Monat für meine Bücher ist) wird dann noch „Helen“ (so der Arbeitstitel) erscheinen. Dann werden es drei Romane sein, deren Schnittmenge den Leser verstehen lässt, was wirklich vorgefallen ist („denn nicht ist so, wie es an der Oberfläche erscheint“ - Calypso Fontaine hat es erkannt).Ursprünglich wollte ich, bevor ich mich an „Lyra“ zu schaffen machen gedachte, die Fortsetzung von „Somnia“ schreiben (in der es Scarlet Hawthorne weiter westwärts verschlägt und wir erfahren, was genau in London vor sich geht), doch dann geschah etwas Wunderbares: Bob Dylan kam nach Saarbrücken. Sofort beschloss ich (natürlich erst, nachdem ich mir sofort die Tickets besorgt hatte), den lang ersehnten Roman über die Musik zu schreiben, der ich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr verfallen bin. Ich nahm mir vor, die erste Fassung des Romans fertig zu haben, wenn Dylan im Saarland weilte.
So fing es an.
Ich wusste, dass die Geschichte wie die Lieder von Bob Dylan, Bruce Springsteen, Neil Young, Willie Nelson und Woodie Guthrie sein würde. Ich las die Biografie seiner Bob`ness, „Chronicles Volume 1“, und das Erzählfragment „Tarantula“, kramte „On the Road“ von Kerouac hervor (zum letzten Mal in der Oberstufe gelesen, jeden Tag im Zug zwischen Koblenz und Niedermendig), las zum ersten Mal „Die Grasharfe“ von Truman Capote und schaute mir Filme an, die in den Bayous spielen (darunter auch „Frösche“, ein phänomenal billiges B-Movie, vor dem ich mich als Kind ebenso gefürchtet habe wie vor dem britischen Film „Keine Gnade für den Fuchs“). Ich hörte mir Songwriter-Songs an und wusste genau, wo die Geschichte hingehen musste. Die Atmosphäre des Südens erschloss sich schnell und ebenfalls aus der Musik: Trevor Jones und Dr. John, The Woven Hand, Grover Washington – das waren die Musiker, die mich ins Atachafalaya Bayou begleitet haben und die New Orleans greifbar machten (und ich hoffe, dass ich einige Clichés vermieden habe).Ungewöhnlich für mich war die Art und Weise, wie ich mich der Geschichte genähert habe: ich habe Songs geschrieben. Genaugenommen: Song-Texte. Ich habe die Songs geschrieben, die Danny Darcy singen würde, wäre er eine reale Peron (was er für mich ja irgendwo war). So entstanden zwölf Songs mit recht langen englischsprachigen Texten, die, Tina Vogl und dem Verlag sei Dank, jetzt alle im Anhang des Romans auftauchen (ganz in der Tradition der Songwriter, wie ich hoffe, und im CD-Booklet-Layout). Doch (das muss jetzt betont werden) sind diese Lieder nicht als reines Anhängsel im Buch zu verstehen. Es sind Songs, die einen Bezug zur Geschichte haben. „When the Sailor saw Sunny“ ist eine Liebeserklärung Dannys an seine Frau, „Jenny“ ist der Song, den er für seine (noch ungeborene) Tochter schreibt, „The weeping Alligators Song“ entstand, als er in den Sümpfen Louisianas eine Sirene namens Calypso begegnete. Die Lieder zeigen, wie Danny fühlt. Sie zeigen, wie Kunst entstehen kann. Wir erkennen seine Ängste und inneren Konflikte in der Musik, die er macht. Es gibt einen Song namens „The Wolf and the Squirrel“, der eine lange Geschichte erzählt (und eine politische Metapher ist) und es gibt einen Song mit dem Titel „Monkey Zoo“ (den ich einem Bekannten verdanke, der all die Jahre dachte, dass BAP anstatt „Aff un zoo“ immer „Affenzoo“ sang).Ich schrieb die Songtexte und Danny Darcy wurde immer greifbarer, als Mensch und als Künstler. Man erkennt viel von seiner Seele in den Liedern, die er geschrieben hat (und ich hoffe, dass Ihnen die Songs gefallen). Mit ein wenig Glück wird es irgendwann sogar richtige Songs dazu geben. Aino Laos (mit der ich an den Songs zum neuen Musical von Frank Nimsgern, „Phantasma“, zusammengearbeitet habe – der Soundtrack ist gerade bei Sony erschienen) und Ralph Quick haben drei der Songs schon zu richtigen Liedern werden lassen. Ob irgendwann eine CD daraus wird, steht noch in den Sternen – aber man soll ja nie aufhören, die Sterne zu betrachten.Wie auch immer – während ich „Things have changed“ hörte, schrieb ich die ersten Sätze.
„Die meisten Lügen sind wie Träume, die ein Kind sich singt, um nicht allein zu sein. Sie sind wie fremde Länder, die zu erforschen keinen Sinn macht, weil niemand wirklich die Sprache spricht, die einen dort sicher reisen lässt. Keiner wusste das besser als Danny Darcy. Hat man erst einmal einen Schritt in diese Gefilde getan, dann ziehen einen die kunstvoll gesponnenen Geschichten in einen Sumpf aus spinnennetzartigen Erinnerungen, die alles an sich binden, was einem jemals Leben war. Und die Lieder, die man fortan singt, werden schwer wie der Regen, der an warmen Sommertagen zu weißem Dampf über den Wassern wird; jenen Wassern, in denen sich noch immer zitternd Gewitterwolken spiegeln.“Ich pilgerte zum Konzert, huldigte dem Meister und seiner Musik. Im Roman gibt es jemanden namens Tyler Blake, der eine Legende ist und nicht wenig Ähnlichkeit mit dem Meister hat. Er ist derjenige, der Danny den Weg weist (und das nicht nur durch die Musik, die ihn unsterblich gemacht hat).Vielleicht merkt man es – in „Lyra“ ist die Musik ein zentraler Aspekt.Ja, für mich ist „Lyra“ ein einziger langer Song. Es geht um Musik. Um große Gefühle. Um Gefahren. Es ist ein sehr amerikanisches Buch. So amerikanisch wie die Werke von Kerouac und die Lieder Bob Dylans. Ein sehr persönliches Buch. Es ist romantisch wie „Wild at Heart“ und geheimnisvoll wie „The Skeleton Key“. Es geht darum, dass man für das kämpfen soll, was einem wichtig ist. Und es zeigt, dass es die wahre Liebe wirklich gibt. Rock`n Roll.Und ich hoffe, man kann gut drauf tanzen.geschrieben im
Oktober 2009---Auf dem Lesetisch: "Die Magier von Montparnasse", verfasst vom einzigartigen und unglaublichen Oliver Plaschka (ein Roman, der so unglaublich gut ist, dass einem die Worte fehlen).---Und noch ein Hinweis: wer magischen Schmuck mag, der ungewöhnlich und einzigartig und zauberhaft ist, der sollte unbedingt bei der Kupferkatze vorbeischauen:http://www.kupferkatze.de(Tamara, die den Weg zur Kupferkatze als eine der ersten gefunden hat, möchte dieses Geheimnis nicht für sich behalten)---Soviel für jetzt. Zurück zum Tee und den Deadline-Monstern und einer Stadt, die aussieht, als hätte Caspar David Friedrich moderne Großstädte gemalt ...